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MObiLO´s
Weg aus der
bi-Sozialpsychiatrie
Die Wurzeln des Vereines MObiLO
reichen zurück, bis zu den Ursprüngen
der
Bürgerinitiative Sozialpsychiatrie, die Anfang der 70er
Jahre von Marburger Bürgern (insbes. Studenten, Patienten, PsychiatriemitarbeiterInnen) gegründet wurde. Die damalige
Initiative stellte, wie die später veröffentlichten Untersuchungsergebnisse
der
Psychiatrie-Enquéte-Kommission
bestätigten,
die Lebensbedingungen psychisch Erkrankter in den damaligen Anstaltspsychiatrien
als menschenunwürdig in
Frage. Sie wollte durch die Anmietung von Wohnraum im
Zentrum Marburgs den so genannten
Drehtürpsychiatriemechanismus überwinden und den damaligen
Psychiatriepatienten durch eine therapeutisch
begleitete Umsiedlung
in die geografische Mitte unserer Gesellschaft eine Wiedereingliederung ermöglichen.
Dabei wurden große
Widerstände auf beiden Seiten sichtbar, die es zu überwinden
galt. Einer dieser Widerstände lag in der beiderseitig
bestehenden
Tabuisierung des Themas "Psychiatrie" und "Psychisch Krank".
Es taten sich große Berührungsängste auf, die die jeweils
eine Seite daran hinderte, die andere zu verstehen bzw. sie
verstehen zu wollen. Zwischen den so genannten Erkrankten
(inkl. der sie behandelnden Fachleute) und der Gesellschaft
der so genannten
Gesunden (krank ist man erst, wenn die Fachleute über das
schwächsten Glied innerhalb eines Familienkonfliktes eine entsprechende Diagnose erstellt haben) gab es
außer den Behandlungsgesprächen, die sich auf die Verordnung
von Medikamenten beschränkten, so gut wie keine Kommunikation.
KULTUR GEGEN
AUSGRENZUNG
Einer der vielleicht provokantesten
Versuche, aus dieser Sprachlosigkeit
auszubrechen, bestand in der Gründung einer Theatergruppe mit dem Namen "Circus clapsus"
(später "Psychiatrie-Kabarett"). Es sollte mit ironischen und sartirischen Mitteln die Thematik "psychisches Leiden
durch die Ausgrenzung der weniger Belastbaren
durch die sich gestört
fühlenden Stärkeren dieser Gesellschaft, aufgegriffen, kultiviert und durch
Bühnenveröffentlichung besprechbar gemacht werden.
Es folgte schließlich im Jahr 1978
ein erster öffentlicher Auftritt von BewohnerInnen und
Bewohnern sowie einigen mutigen Laienhelfern (Studenten
der Philippsuniversität Marburg) aus dem Übergangswohnheim Sauersgäßchen bei einem
Talentwettbewerb in der Marburger Stadthalle vor etwa 1200
Zuschauern.
Die Initiative erntete viel
Sympathie und so entstand zu einem späteren Zeitpunkt die LP
"Lieder aus der Schlangengrube" der Theatergruppe
"Circus clapsus".

CD-circus
clapsus (1976 bis 1982)
Eine Produktion aus dem
Übergangsheim Sauersgäßchen. Die im Jahr 1983 produzierte LP
wurde von der Hessischen Gesellschaft für soziale Psychiatrie
(HGSP) gefördert. Die Aufnahmen entstanden im Tonstudio
des Fachbereiches Pädagogik der Universität
Gießen, unter der Leitung von Ekkehard Jost und Axel Dürr.
Das Cover wurde von der Reha-Werkstatt Kreisverband
Offenbach gedruckt.
Die hier als CD angebotene LP wurde von 12 Bewohnerinnen und
Bewohnern und einem Sozialarbeiter der Übergangseinrichtung
Sauersgäßchen getextet, vertont und vorgetragen. Sie gibt
Einblick in die seelische und gesellschaftliche Situation psychisch Erkrankter
in der damaligen Anstaltspsychiatrie.
Es werden menschliche Sehnsüchte nach Liebe und Gemeinschaft
thematisiert
und im Kontext der Erkenntnisse
der
Psychiatrie-Enquête-Kommission
sowie den Thesen der kritischen Psychiatrie und
Antipsychiatrie
aus den
70er-Jahren dargestellt.
Bild- und Textbeispiele:
Psychiatriekabarett (1983 bis 1989)

Verrückt
Claudia K. 1996
Der breite
Pfad der Erinnerung,
der
allmählich in Vergessenheit gerät.
Der Drang,
das Unfassbare freizulegen
und seine
Schätze zu entdecken -
um damit
den leeren Raum zu füllen.
Von Tag zu
Tag verringert sich
das Refugium
der Träume - unserer
Träume.
Irgendwann
wird nichts mehr von ihnen
übrig sein.
Sie werden
zertrampelt und zertreten
auf dem Weg
der Realität.
Am Ende
werden alle
wie an
unsichtbaren Fäden schweben,
ohne es zu
bemerken.
Ab dem Tag
beginnt die Lüge
und der
Traum der Wirklichkeit -
dann - wird es
Zeit für mich zu gehen.
Es ist der
"fast" unblutige Schritt
in die
Unabhängigkeit.
Psychiatriekabarett (1990 bis 1999)

Gib mir
süßen Wein Schwester
Giso W. 1983
Gib mir süßen Wein Schwester,
give me sweet wine nurcy.
Ich brauch' Dich Krankenschwester.
Hilf mir mit Deinem Lächeln -
mit Deiner sorgenden Hand.
Du sagtest ade zu mir
und es klang wie Abschied
oder die Frage,
ob es wohl ein Abschied sei -
Ich komme wieder Krankenschwester
und bitte, nimm es mir nicht übel,
lehn mich nicht ab,
wenn ich Zärtlichkeit von Dir
verlange.
Dr. Enzians Traumstadtwandler
(2000 bis 2004)
Lyrik von
Peter-Paul-Althaus
(PPA)

TRINCHEN,
...die es nicht besser weiß:
Mein Herz, Herr Doctor,
mein Herz,
das müssen Sie mir heraus
operieren!!
Ich will doch nicht meinen
Verstand verlieren,
weil ich noch, Herr Doctor,
ein Herz besitze
und das zu ganz falschen
Dingen im Leben benütze!
Das Leben, Herr Doctor, das
richtige wirkliche Leben
mit einem Herzen ist doch
nur ganz wenigen gegeben.
Und ich
mich Herr Doctor,
brauchen Sie nicht mal chloroformieren!!
PPA
Das Motiv hinter dem Weg zum Ziel
Der erhoffte
große Bühnenerfolg war zwar
das immer wieder Motivierende, aber nicht eigentliche Ziel der Initiative.
Ziel
war vielmehr die bei der Gestaltung der Programme einhergehende Auseinandersetzung
mit den Normen der Außenwelt und die dadurch ermöglichte
und erhoffte Annäherung beider Gruppen. So wurde auch bei den
intensiven Proben viel
über die so genannten "Normalen" nachgedacht und über die
zu erwartenden
Reaktionen spekuliert und sich amüsiert - allein blieb ein Auftritt immer nur ein
Auftritt und am Ende kehrten alle Akteure
wieder in ihre kleine heile Welt der
Betreuten unter Betreuern zurück.
Immer deutlicher wurde die
Notwendigkeit einer dauerhaften und alltäglicheren Auseinandersetzung mit
dieser Außenwelt, in die man/frau ja auch dauerhaft zurück kehren
wollte. Eine erfolgreiche Reintegration in das so genannte normale gesellschaftliche
Leben, aus dem die Akteure ja irgendwann einmal heraus gefallen waren oder
auch hinausgeschoben wurden, konnte nicht im Proberaum geübt
und durch den großen Applaus ungeschehen gemacht werden.
Reintegration
konnte nur, und das war die
ernüchternde Quintessenz, neben einigen stützenden
therapeutischen und medikamentösen Maßnahmen, durch eine langfristige, weil erträgliche Form des
"Andockens" an die
gesellschaftlichen Normen und Werte durch stabile
zwischenmenschliche Beziehungen innerhalb eines geeigneten sozialen Umfeldes gelingen.
MObiLO und das Turm-Café
Im Innenverhältnis der
Initiative MObiLO gelang
den Einzelnen die Einbindung in die eigene Gruppe bereits
vor der Eröffnung des Turm-Cafés relativ gut. Was jedoch
fehlte war
ein fester Standort, von dem aus der Alltag und die
alltäglichen Beziehungen zur Außenwelt pünktlich und
verlässlich statt finden und gestaltet werden konnten.
Einer
der glücklichsten Fügungen in der MObiLO-Geschichte war ein
in einer Marburger Tageszeitung veröffentlichter und von uns entdeckter
Artikel über den verwaisten Kaiser-Wilhelm-Turm und die
Suche der
Stadt
Marburg nach einem neuen Pächter. MObiLO bewarb
sich sofort um den Zuschlag und dann standen wir an einem
nebligen Regentag des Jahres 2004 mit einem eigenen
Turmschlüssel auf der Aussichtsplattform und schauten
glücklich zwei Meter weit, in eine weiße, neblige
Wand.
Inzwischen hat sich das
Turm-Café und
das ganze historische Areal als eine für die Umsetzung
unserer Ziele optimale Location bestätigt. Das dürfte u.a. daran
liegen, dass sich die MitarbeiterInnen dort draußen im
Wald und hoch über den Dächern Marburgs schon rein Geografisch nicht mehr nur als
gescheiterte
"Bittsteller" dieser Gesellschaft fühlen müssen. Hinzu kommt, dass sie
per MObiLO-Konzept selbständig und eigenverantwortlich handeln
können, sollen und auch
müssen. Der Dienstplan sieht keine
Betreuungs- oder Aufsichtsperson vor und kann es auch nicht, weil
zum Einen der Ort im Wald nicht so einfach erreichbar ist und
zum Anderen die
finanziellen Gegebenheiten des Vereines dies auch nicht zulassen.
Die MitarbeiterInnen dürfen,
sollen und müssen sich deshalb in einer Arbeitsrealität
zurecht finden, die sich aus den realen wirtschaftlichen und
somit gesellschaftlichen Arbeitsbedingungen
(Angebot/Leistung/Belohnung) entwickelt hat. Die Verbindlichkeit des Dienstplanes
ist dabei so groß, dass niemand der
Mitarbeitenden sagen will und auch nicht sagt: "Heute geht es mir
mal nicht so gut, da bleib ich mal zu Hause - die Betreuer
machen das dann ja schon". Alle sind
in eine Situation gestellt, in der sie Selbstverantwortlich
handeln müssen
und es objektiv betrachtet, damit ja auch sind.
Dies führt dazu, dass die
MObiLO-MitarbeiterInnen
die oft über Jahre erlernte Rolle der/des
gesellschaftlichen "Bittstellers" verlassen können und nun
nach oft vielen Jahren, einmal wieder erleben dürfen, auf
der anderen Seite zu stehen. Es kommen nun die so genannten Gesunden
und auch eigenen Betreuer (sofern sie kommen) einmal als "Bittsteller"
zu ihnen ins Turm-Café, um z.B. zu fragen, ob es denn
möglich wäre, einen Kaffee
zu bekommen oder den Turm zu besteigen oder um
zu erfahren, wie man denn
am schnellsten wieder aus dem Wald heraus und hinunter in die
Zivilisation gelangt.
Diese einfachen
und kurzen zwischenmenschlichen Begegnungen sind im
Turm-Café weder eine konstruierte noch von Helfersyndromen durchdrungene
Behandlungs- oder Trainingssituation und auch kein gut reflektiertes, therapeutisch
ambitioniertes Rollenspiel, sondern viele kleine,
unspektakuläre und ganz alltägliche, freundlich gesinnte
Begegnungen ganz
normaler Marburger Bürger auf gleicher Augenhöhe.
Lutz Götzfried
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